Franz Liszt

Franz-Liszt-Portrait

Franz Liszt ist am 22. Oktober 1811 in Raiding in Ungarn geboren;

sein Vater, einem ehemaligen Adelsgeschlecht entstammend, bekleidete dort eine Beamtenstelle; selbst musikkundig, unterrichtete er den Sechsjährigen im Klavierspiel.

Schon mit neun Jahren trat Franz öffentlich im Konzert als Klavierspieler auf, und die Gunst des Esterhazyschen Hauses, die er sich durch seinen ersten Erfolg erworben hatte, machte es ihm möglich, sich in Wien bei dem berühmten Czerny ausbilden zu lassen. In seinen Abschiedskonzert kam der alte Beethoven auf das Podium und küßte den jungen Künstler, von dessem Vortrag er hingerissen war.

Von Wien zogen die Eltern mit dem jungen Franz nach Paris. Hier wurden Paer und Reicha seine Lehrer. Das geistreiche Treiben der Pariser Salons wirkte auf den empfänglichen, feurigen Jüngling nach allen Richtungen hin anregend. Insbesondere aber machte die poetische Individualität Chopins auf ihn den nachhaltigsten Eindruck: Er hat früh Verstorbenen durch eine von warmer Pietät getragene Biographie ein schönes Denkmal gesetzt.

Mit mächtiger Gewalt zog es den jungen Klavierspieler zum geistlichen Stand: Erst die phänomenale Erscheinung des Geigerkönigs Paganini gewann ihn ganz und gar der Kunst: der Papagini des Pianoforte zu werden, war nun sein Ideal.

Der schon 1827 erfolgte Tod des Vaters, der nur noch der Ausbildung seines Sohnes sein Leben gewidmet hatte, und die damit an den Sohn herantretende Pflicht, die vereinsamte Mutter zu versorgen, hatten diesen angespornt, alle Kraft an die Erreichung seines Zieles zu setzen: die Künstlerreisen, die ihm 1839-1847 durch ganz Europa führten, trugen ihm nicht nur beispiellose Triumphe und Ehren aller Art, sondern auch einen soliden Lohn ein; er konnte seiner geliebten Mutter eine gesicherte Zukunft schaffen, indem er sofort ein Kapital von 100000 Francs für sie festlegte.

In Weimar, wo er schon 1842 mit großer Begeisterung aufgenommen worden war, bot sich ihm Gelegenheit, als künstlerischer Leiter der Oper Einfluß auf die Entwicklung der Musik zu gewinnen. Mit feuriger Kraft ist er für die "moderne Richtung" eingetreten; selbstlos hat er sich des damals in der Verbannung weilenden Richard Wagner angenommen, dessen "Lohengrin" und "Tannhäuser" zur Aufführung gebracht und so die alte klassische Stätte abermals zu einem künstlerischen Wallfahrtsort gemacht.

Weimar wurde die Pflanzschule der Zukunftsmusik, die "Altenburg", wo Liszt unter der schützenden Fürsorge der Fürstin Wittgenstein hauste, der Sammelpunkt aufstrebender Talente. Liszt, obgleich persönlich der Wagnerschen Kunstrichtung mit Leib und Seele ergeben, war großsinnig und weitherzig genug, jedes ehrliche und wahrhaft überzeugungstreue Streben nachdrücklich zu fördern: stets hatte er eine offene Hand, oft weit über seine Mittel hinaus. Er blieb bis zuletzt der großherzige Mann, als welcher er 1839 die noch fehlenden Kosten zum Beethoven-Denkmal in Bonn (etwa 30000 M) auf sich genommen hatte.

1863 nahm Liszt seinen Wohnsitz in Rom: Pius IX. verlieh ihm die niederen Weihen und die Würde eines Abbés, so erfüllte sich noch der Wunsch seiner Jugend, den Priesterstand anzugehören.

Später siedelte er nach Pest über: der Enthusiasmus der Ungarn für ihren berühmten Landsmann kannte keine Grenze.

Jeder Sommer fand ihn am Fuß der Wartburg, als den Gast des Großherzogs von Weimar. Eine Häuslichkeit im deutschen Sinne des Wortes hat Liszt stets entbehrt.

In den Jugendtagen verband ihn innige Liebe mit der Gräfin d'Agoult; aus diesem Verhältnisse stammen drei Kinder, ein Sohn und zwei Töchter, Blanche, die spätere Gattin des französischen Ministers Ollivier, und Cosima, erst Hans von Bülows, dann Wagners Gattin; er erlebte ähnliches wie Chopin, ein jäher Bruch schied ihn von der Mutter seiner Kinder. So hat sein Dasein etwas Ruheloses behalten; auch darin ist er in den Spuren der Romantiker gegangen.

Als Künstler ist Liszt in erster Linie Meister des Klavierspiels. Unbestritten steht er hierin als der Erste da. Als Komponist vertritt er rückhaltlos die Grundsätze der Wagnerschen Schule: unbedingte Unterordnung der musikalischen Form unter eine poetische Idee, beziehungsweise den Text des dichterischen Wortes, welches die Musik zu interpretieren hat, kurz Anbahnung eines rein deklamatorisch, die Ausdrucksmittel mit größter Selbständigkeit anwendenden Stils.

Am konsequentesten hat er diese Grundsätze durchgeführt in den "Sinfonischen Dichtungen", jenen in einen Satz zusammengefaßten großangelegten Orchesterwerken, in welchen die Musik die Aufgabe hat, den Reflex darzustellen, welchen eine gewaltige Persönlichkeit ("Tasso", "Hamlet", "Dante", "Faust-Sinfonie") oder ein großartiges Geschichtsbild ("Mazeppa", Hunnenschlacht") oder ein Natureindruck ("Berg-Sinfonie") ins Gemüt wirft.

Auch in den übrigen Kompositionen, in den Liedern, in den Oratorien ("Die heilige Elisabeth", 1867 zur 800jährigen Jubelfeier der Wartburg komponiert, "Christus") und Kirchenkompositionen ("Graner Messe", "Missa solemnis", "Missa choralis", "Ungarische Krönungsmesse") bleibt er den modernen Grundsätzen treu. Das Urteil über Liszts schöpferische Tätigkeit ist deshalb ein sehr verschiedenes, je nach dem Standpunkt, auf welchem der Beurteiler steht. Während er von den einen als bahnbrechender Meister gefeiert wird, werfen ihm andere Mangel an schöpferischer Kraft, Ideenleere, Formlosigkeit vor.

Wie auch das Urteil über den Komponisten Liszt auch lautet: über den Menschen in ihm sind alle Parteien einig gewesen, Liszt hat wenig Feinde, vielleicht keinen gehabt: seine ritterliche Großherzigkeit gewann und besiegte auch die Gegner. So hat es ihm denn auch an Anerkennung aller Art nicht gefehlt: Orden schmückten seine Brust; den erloschenen Adel seiner Familie hat seine Kunst wieder hergestellt; von der philosophischen Fakultät zu Königsberg wurde er zum Doktor kreiert.

Mit lebendiger Frische steht allen, die ihm begegnet sind, die ritterliche, vornehm sich bewegende Gestalt des Künstlers in der Soutane, mit dem von langem, weißem Haar umrahmten, scharf ausgeprägten Antlitz vor der Seele, wie er, umschwärmt und umworben von Künstlern und Künstlerinnen, für jeden ein wohlwollendes Wort, einen warmen Händedruck, einen aufmunternden Blick hatte, in der Tat vielen in Wirklichkeit ein "Vater Liszt", wie in künstlerischen Kreisen sein Ehrentitel lautete.

Robert Schumann charkterisierte Liszt`s Spiel mit den Worten: "Das Instrument glüht und sprüht unter seinem Meister – es ist nicht mehr Klavierspiel dieser oder jener Art, sondern Aussprache eines kühnen Charakters überhaupt, dem zu herrschen, zu siegen das Geschick einmal statt gefährlichen Werkzeugs das friedliche der Kunst zuteilte."

Liszt`s Spiel hatte immer etwas von der Improvisation an sich, er gab immer sich selbst, sein augenblickliches Sein und Empfinden, die Wirkung des Kunstwerks, das er vortrug, auf sein eigenes Wesen.

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