15.09.2017

von B°

Woche der Wiederbelebung: Eine Auffrischung für die Erste Hilfe

Prüfen. Rufen. Drücken – Leben retten - Woche der Wiederbelebung: Eine Auffrischung für die Erste Hilfe - Dass diese ein Leben retten kann, zeigen Geschichten wie die von Herrn und Frau W.

Prüfen. Rufen. Drücken – Leben retten

Woche der Wiederbelebung: Eine Auffrischung für die Erste Hilfe

„Es sind oft die Ersthelfer, die Laien, die Leben retten“, sagt Dr. Stefan Eigl, Anästhesist im Klinikum Bayreuth und Ärztlicher Leiter Rettungsdienst im Bezirk Bayreuth/Kulmbach. Die Woche vom 18. bis 24. September steht im Zeichen der Wiederbelebung. Deutschlandweit. Ihr Motto: „Ein Leben retten – 100 Pro Reanimation.“ In diesem Rahmen wollen Anästhesisten, Notfallmediziner und Rettungsdienste zeigen: Jede Hilfe ist erste Hilfe. 

Dass diese ein Leben retten kann, zeigen Geschichten wie die von Herrn und Frau W..

Bayreuth. Donnerstag, 2. März 2017, kurz vor 9 Uhr. Ihr Mann Peter war nur kurz unterwegs. Als er reinkommt in das schmucke Einfamilienhaus am Bayreuther Stadtrand ist sein Blick glasig. Die Rückenschmerzen, die ihn seit ein paar Tagen plagen und wegen der er krankgeschrieben ist, sind wieder da. Schlimmer als zuvor. Heike W. will einen Notarzt rufen. „Nein“, sagt ihr Mann. „Nicht wegen ein paar Rückenschmerzen.“ Um 9.04 Uhr wählt sie trotzdem die 112. In diesem Moment sackt Peter W. zusammen. Herzinfarkt, wird sich später herausstellen.

„Ich bleibe bei Ihnen. Ich begleite Sie, bis der Notarzt da ist“, sagt der Mann am anderen Ende der Leitung in der Integrierten Leitstelle. Thomas Kurrent hat den Ernst der Lage schnell erfasst. Seit fünf Jahren arbeitet er als Disponent in der Integrierten Leitstelle Bayreuth/Kulmbach. Er kennt solche Situationen, weiß wie er telefonisch zu einer Herzdruckmassage anleitet und dass die Initiative von ihm ausgehen muss. Ein- bis zweimal wöchentlich geht in der Integrierten Leitstelle ein solcher Notruf ein. 

„Ich zähle, sie drücken“

Für Heike W. ist es das erste Mal. Sie ist in Panik, sie fleht, sie schreit. Ein Hubschrauber soll kommen, schnell. Weil doch die Bahnschranke hinter der sie wohnen so unendlich lange geschlossen bleibt, wenn ein Zug kommt, und der Rettungswagen dann nicht durchkommt. Thomas  Kurrent fragt nach, ganz ruhig: „Haben Sie schon mal einen Erste-Hilfe-Kurs gemacht?“ Ist lange her. „Reagiert Ihr Mann auf Ansprache? Spüren Sie eine Atmung?“ Peter W.s Gesicht läuft blau an. Dann gibt Kurrent in der Leitstelle Anweisungen: „Machen Sie den Brustkorb Ihres Mannes frei. Tasten Sie nach der Mitte des Brustbeins. Ich zähle, Sie drücken.“ 100mal in der Minute. Herzdruckmassage. Heike W. „funktioniert“, wie sie sagt. Sie muss. Sonst stirbt ihr Mann.

Nicht einmal fünf Minuten später sind die Retter da. Heike W. ist am Ende ihrer Kraft. Wie Minuten zu Stunden werden, das erlebt sie gerade hautnah. Peter W. hat Riesenglück. Das Rettungsteam des Roten Kreuzes war gerade in der Nähe. Heike W. sieht, wie angespannt sich die Sanitäter um ihren Mann kümmern. Drei-, viermal setzen sie den Defibrillator auf seine Brust, drücken auf den Elektroschocker, damit das Herz wieder anspringt. Irgendwann nimmt sie ihren ganzen Mut zusammen. „Wie schaut’s aus?“ „Jetzt wieder besser“, sagt einer der Sanitäter. 

Peter und Heike W. sind den Rettern und den Ärzten dankbar. Jedem einzelnen – und nicht zuletzt Thomas  Kurrent, dem Mann am Telefon in der Integrierten Leitstelle. „Ich weiß nicht, was ich ohne ihn getan hätte“, sagt Heike W. „Und ich muss mich noch entschuldigen, weil ich ihn so angeschrien habe.“  

Heute sitzen die drei zum ersten Mal nebeneinander, lernen sich persönlich kennen. „Es ist gutes Gefühl, zu sehen, was dieses Telefonat bewirkt hat“, beschreibt Kurrent. Nicht immer erfährt er nach einem Notruf, was aus den Patienten geworden ist. „Es ist schön zu sehen, dass es Herrn W. gutgeht.“ Aus diesen Gründen hat er seinen Beruf gewählt. Da lässt man sich auch schon mal anschreien. 

Jede Hilfe ist Erste Hilfe

Dr. Stefan Eigl ist Notarzt. Er ist einer derer, die immer wieder zu solchen Einsätzen gerufen werden. Und er ist jedem Laienhelfer dankbar, der couragiert eingreift. Denn: Bereits nach rund drei bis fünf Minuten Herzstillstand trägt das Gehirn irreparable Schäden davon. Der Rettungsdienst in Deutschland braucht durchschnittlich aber etwa acht Minuten zum Einsatzort. „Ohne Laien könnten wir in vielen Fällen nicht mehr helfen.“ Er macht entschieden klar: „Jede Hilfe ist Erste Hilfe. Fehler gibt es in dieser Situation nicht. Der einzige Fehler, den man machen kann: Nichts tun. Wer hilft, kann es keinesfalls schlimmer machen – aber unter Umständen deutlich besser. Er kann ein Leben retten.“  

Aus diesem Grund setzten sich er und auch Prof. Dr. Jörg Reutershan, Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin der Klinikum Bayreuth GmbH, dafür ein, die Zahl der Laienhelfer zu erhöhen. Wie? „Schulen, Aufklären, Informieren, direkt an die Menschen herangehen“, sagt Reutershan.

Eigl, Reutershan und Kurrent sehen sich dabei in der Verantwortung. Nicht nur dem Patienten gegenüber. Sie wollen auch die Laienhelfer stärken. „Wir tun alles, um sie in einer solchen Situation nicht allein zu lassen“, sagen sie. In regelmäßigen Abständen schulen Eigl und sein Team die Mitarbeiter der Integrierten Leitstelle. „Das gibt uns Sicherheit“, sagt Kurrent. Und Eigl erklärt: „Ihre Initiative gibt den Ausschlag, sie müssen den Anstoß für den Ersthelfer geben.“ Zu Jahresbeginn habe man die Schulungen speziell für die Reanimation von Säuglingen und Kindern noch einmal ausgeweitet. „Und im März diesen Jahres dieses Wissen auch schon gebraucht“, erzählt Eigl.

Auch Frau W. hat sich an die Anweisungen gehalten, die sie von Herrn Kurrent erhalten hat – per Telefon.  Er hat sie nicht alleine gelassen. Peter W. verdankt  sein Leben seiner Frau und einer optimal funktionierenden Rettungskette. Er kommt direkt ins Klinikum Bayreuth. Im Herzkatheterlabor  setzen ihm die Ärzte einen Stent ein, der dem Blut wieder Platz schafft, um zu fließen. Intensivstation, Pflegestation, dann Reha. Peter W. fühlt sich gut, wäre da nicht dieser kalte Schmerz in der Brust. Einmal noch soll er zum Arzt, bevor er wieder auf die Arbeit gehen kann. Die Diagnose: deutlich erhöhte Herzenzymwerte im Blut. Peter W. ist nur einen Schritt vom nächsten Herzinfarkt entfernt. Wieder Krankenhaus, diesmal Bypassoperation und wieder Reha. Angst zeigt Peter W. nicht. Diesmal ist es anders. Kein kalter Schmerz.

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