29.01.2010

von B° RB

Dr. Paul Schulz
Dritte Bayreuther Debatte - Nachbericht. Interview mit Dr. Paul Schulz, ehemaliger Pastor, jetzt Atheist
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Dr. Paul Schulz, 1937 in Hamburg geboren, studierte in Hamburg, Erlangen und Heidelberg evangelische Theologie. Von 1970-1979 war er Pastor an der Hauptkirche St. Jacobi in Hamburg. Mit seinen glaubenskritischen Thesen wurde er als „Hamburger Kirchenrebell“ und als "Ketzerpastor Paul Schulz" bekannt. Die Kirche verhängte über ihn ein "Lehrzuchtverfahren" - der erste Ketzerprozess der evangelischen Kirche in Deutschland. Nach fünf Jahren  "Glaubensverhandlungen"  durch verschiedene Instanzen um zentrale Fragen der evangelisch-lutherischen Bekenntnisse verlor er den Prozess. Er wurde 1979 seines geistlichen Amtes enthoben und verlor gleichzeitig alle Beamten- und Versorgungsrechte.

Sie sind ehemaliger Pastor, Atheist geworden und ein Atheist glaubt ja, dass es gar keinen Gott gibt. Wie kam es dazu?

Das war im Grunde während meines Theologiestudiums in Erlangen eine erkenntnistheoretische, also eher eine philosophische Einsicht - anhand des großen Philosophen Ludwig Feuerbach. Feuerbach hat nachgewiesen, dass alles Reden von Gott nicht Reden von Gott her auf den Menschen hin ist, sondern Reden vom Menschen her auf Gott hin: Gott ist die Projektion des menschlichen Bewusstsein. Nicht Gott schafft den Menschen. Der Mensch schafft Gott.

Wie würde denn eine Gesellschaft aussehen, die atheistisch wäre? Gäbe es dann lauter autonome Menschen ohne Zusammenhalt oder wie wäre das?

Wieso ohne Zusammenhalt. Pierre Bayle, eigentlich der erste Aufklärer Europas um 1700 in England war zugleich der erste Denker, der sagte, er könne sich positiv (!) eine  "Gesellschaft der Atheisten" vorstellen. Vor ihm war es das große klassisch Athen vor 2500 Jahren, das atheistisches Denken fundamental mit Demokratie verband. Atheismus und Demokratie gehören aufs engste zusammen. Nichts in unserer modernen Gesellschaft würde funktionieren ohne die demokratischen Prinzipien des säkularen Staates.

Sehen das Christen oder Muslime genauso?

Nie! Beide Religionen haben ein fundamentales Problem. Sie sind von ihrem religiösen Ansatz her gar nicht demokratiefähig, weder der Christ und schon gar nicht der Muslim. Ob Gott oder Allah - beide sind absolute Monarchisten (!) mit radikalen Herrschaftsprinzipien.  Dagegen ist Demokratie eine partnerschaftliche Gesellschaftsform ohne Diktat, ohne Diktator. Das Christentum, speziell der Papst ducken sich nur unter die westliche Demokratie, der Islam revoltiert. Beide verlangen ein unabdingbares monarchistisches Mitspracherecht Gottes.

Sind denn Religionen gefährlich? Wären wir rationaler ohne Religion? Würden wir uns weniger die Köpfe einschlagen in Folge weniger Konflikte?

Die westlichen Volldemokratien haben untereinander fast über 100 Jahre Frieden gehalten und ihre Konflikte, die sie natürlich auch zuhauf hatten und haben, ohne Krieg demokratisch ausgetragen. Dagegen steht heute auch innerhalb der Demokratien ein großes religiöses Konfliktpotential.

Also sind Religionen für Sie gesellschaftliche Brandstifter?

Da wo der säkulare Staat den Religionen das Schwert aus der Hand genommen hat, sind  viele Brände gelöscht worden. Dennoch bestehen überall um uns herum religiöse Konflikte. Die Spannungen mit dem Iran sind nur ein Beispiel. Der Minarett-Konflikt in der Schweiz ist ein dramatisches Signal mitten in Europa. In den USA ist der absurde Kampf der  Kreationisten gegen Darwin eine anachronistische Schauergeschichte. Dass in Deutschland religiöse Konflikte gedämpft erscheinen, liegt vor allem auch daran, dass die evangelische Kirche im Moment in Anbetracht der Übermacht des Papstes gegenüber der katholischen Kirche sehr schwach erscheint. Zu acht, neun großen Themen äußert sich über Weihnachten auch in Deutschland medienmäßig  nur der Papst. Ausschließlich. Und immer mit Forderungen gegenüber dem säkularen Staat und der säkularen Gesellschaft.

 




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