06.05.2019

von B° RB

Shopping sei mein Gottesdienst

Im Kollektiv wahnsinnig werden: In "Das Reich kommt" erzählt James Graham Ballard von einer Konsum-Welt, in der Langeweile und Leere fast zu einer neuen Diktatur führen

Das Reich kommt

"Das ganze Unglück der Menschen kommt aus einer einzigen Ursache: nicht ruhig in einem Zimmer bleiben zu können" (Blaise Pascal: Pensées).

In J. G. Ballards Thriller-Dystopie "Das Reich kommt" langweilen die Bürger sich zu Tode und erfreuen sich unter dem Deckmantel zahlreicher Sportevents an der eigenen Boshaftigkeit.

Fakten
J.G. Ballard: Das Reich kommt

Übersetzt von Eike Schönfeld

Broschur, 368 Seiten

Verlag diaphanes

Gekleidet in Trikots mit Georgskreuzen ziehen sie durch die Straßen Brooklands (einem englischen Industrievorort in Weybridge/Surrey) und hinterlassen eine Spur der Verwüstung. Der unheimliche Fixpunkt ihres unverblümt rassistischen Kreuzzuges ist das Metro Centre, ein voluminöses Einkaufszentrum an der M25. Hier frönen sie dem Konsumismus, ihrer persönlichen Erlösungsideologie. Hier, in dieser alternativen Kirche, sitzen auch die Anführer, die den Einwanderern mit ihren kleinen Läden den Garaus machen wollen. "Wir hier im Metro glauben fest an die Zukunft." Und die Zukunft unter dieser Käseglocke ist reinste Gegenwart, in der die Menschen sich um den Verstand shoppen. "Eine Demokratie neuen Stils, in der wir an der Kasse abstimmen, nicht an der Wahlurne." 

Gewollter Wahnsinn in der Republik Metro-Centre   

"Die dreisteste Lüge kommt der Wahrheit am nächsten." Als ehemaliger Marketingfachmann weiß Richard Pearson um die brisante Bedeutung des Spiels mit der Wahrheit. Dieser Ich-Erzähler kommt nach Brooklands, um den Tod seines Vater zu rekonstruieren, der ausgerechnet im Metro Centre von einem Attentäter erschossen wurde. Es ist die Jagd nach einem Phantom, in der lange Zeit nicht sicher ist, ob Richard Pearson als zuverlässiger Erzähler überhaupt taugt. Er wechselt die Fronten, möchte selbst "betrogen und beschwatzt" werden und macht sich zum Handlanger dieser "Republik Metro-Centre", in der das Wirkliche dem Unwirklichen ein kleines bisschen Widerstand leisten soll. Fragt sich am Ende nur, was wirklich echt ist und was nicht.    

"Nichts ist wahr, nichts ist unwahr. Alles glauben." 

Zu Ballards Stärken gehört, dass er seine Leser gerne im Ungewissen lässt. Der britische Schriftsteller ist ein Meister darin, die Zukunft in der Gegenwart immer mitzuschreiben. Und so ist dieser 2006 erschienene Roman brandaktuell und äußerst lehrreich. Eine wild gewordene Choreographie aus Georgskreuzen und selbst ernannten Straßenkämpfern

Eine spannende Geschichte über Bürger, die den Überblick verloren haben, und die sich so sehr nach einem neuen Anführer sehnen. "Wenn die Leute so gelangweilt sind, ist alles möglich."

Informationen zum Autor

Der britische Schriftsteller J.G. Ballard (15. November 1930 – 19. April 2009) begann als Science-Fiction-Autor in den späten 50er Jahren, ging aber schon sehr bald andere Wege, da die Zukunft für ihn nicht im "outer space", sondern im "inner space" lag. In den 1970ern veröffentlichte er "Crash" (verfilmt von David Cronenberg), "High-Rise" und "Concrete Island", später "Empire of the Sun" (verfilmt von Stephen Spielberg) und weitere Romane über die Auswirkungen technologischer und architektonischer Entwicklungen auf die Gesellschaft, mit denen er seiner Zeit immer weit voraus war.

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