25.04.2019

von B° RB

Generation WTF

"Die Menschen scheinen einen Hass auf ihr Dasein zu entwickeln, wenn es außerhalb des Netzes stattfindet." Reflexionen aus den beschädigten Leben: Sibylle Bergs "GRM Brainfuck", erschienen im Verlag Kiepenheuer & Witsch

Grm. Brainfuck

Verwanzte Endgeräte, degenerierte, verquere Libido, ein Grundeinkommen, das im Tausch mit den persönlichen Daten monatlich auf dem Konto eingeht. Menschen ohne Träume und Empathie, User mit der Aufmerksamkeit einer toten Katze. "Jeder hat das Gefühl, die Welt kreise nur um ihn." Das Leben findet ja nicht im Konjunktiv, sondern im Netz statt. Generalüberwachung inklusive. 

Fakten
SIBYLLE BERG

GRM. Brainfuck. Roman, 640 Seiten

Kiepenheuer&Witsch

ISBN: 978-3-462-05143-8

Sowie das unterhaltsame Comeback der Todesstrafe. Gesundheit, Terror, Polizei - alles privatisiert. Virtuelle Räume, in denen ein vergangenes, irgendwie sympathischeres Leben imaginiert werden kann, mit raschelnden Zeitungen und Druckerschwärze oder Sätzen wie: "Alle erinnerten sich an die gute Wirkung eines guten Buches." Smarte Wohnungen, wie gläserne Särge, künstliche Intelligenz im öffentlichen Raum, spürbar wie Terroristen. Schließlich leben wir schon heute in der "besten Welt aller Zeiten". Wenigstens solange, bis das nächste Superlativ um die Ecke grinst. 

Die Geschichte hinter dem Prosahügel

Sibylle Bergs Triebfeder: Ratlosigkeit statt Wut. Ihr über 630 Seiten starker Roman mit dem Titel "GRM Brainfuck" ist eine Versuchsanordnung. Die Autorin habe viel recherchiert und lange Gespräche mit Wissenschaftlern geführt. Das Thema: Der Mensch im digitaltechnischen Zeitalter seiner stetig wachsenden Bedeutungslosigkeit.    

Eine "geniale Riesenromankolumne" sei GRM, "das Battle-Buch zur aktuellen Weltlage", so zu hören in der kulturWelt des Bayerischen Rundfunks. Der Plot dieser Utopie wird eher im Hintergrund verhandelt. Vier verlorene, kaputte, desillusionierte junge Menschen - Hannah, Don, Peter, Karen - finden zueinander und wollen an sich festhalten in einer Gesellschaft, die immer mehr auseinander fällt. Die in sich geschlossene Geschichte, die sich hinter dem Prosahügel abzeichnet, wird sogleich abgeschossen. Das ist einer der fast widersprüchlichen Gründe, warum GRM ein page turner ist. Ein weiterer Grund ist die ausgewählte, literarische Form der 1962 in Weimar geborenen Schriftstellerin: Der Roman ist vielstimmig, die Figuren überreichen sich smooth den Staffelstab, gönnen sich nur wenige Atempausen. Wer aber spricht und erzählt da eigentlich? Wer zieht da im Hintergrund die Fäden? Vielleicht ist es der KI-Charakter MI5 Piet, einer dieser Bildschirmsoldaten und Überwachungskünstler. Er behält den vollen Überblick, dank der implantierten Chips und Body Cams, die die Bürger tragen, um das Grundeinkommen zu erhalten.

Greater Manchester oder Metropolregion Nürnberg: Die Abwärtsspirale läuft

Schöne neue Welt. Ermüdend und viel zu klinisch. Eine abwegige Welt? Sibylle Berg sagt in Interviews selbst, dass einige Länder bereits sehr weit fortgeschritten seien in Sachen "digitaler Kontrolle". So auch ihre Wahlheimat Schweiz, in der die Bürger, die "ja nichts zu verbergen" hätten, so die Autorin, entschieden haben, dass der Staat Trojaner in die Computer einspeisen und auf diese Weise fremde Mails überwachen könne. Auch das Modell, wonach sich Patienten von ihren Krankenkassen "chippen" lassen, um bei gesunder und moralischer Lebensführung Bonuspunkte zu erhalten, ist  so krank und weit her geholt nicht. Ein schleichender Prozess: Die Bevölkerung hat selbst dafür gesorgt, dass die Totalüberwachung Realität wird. Dieser missverstandene freie Wille. 

"Auch England ist in vielem, was heutzutage schlecht ist, ganz weit vorne mit dabei", so Sibylle Berg im Neo Magazin Royale. Ob Greater Manchester oder Metropolregion Nürnberg: Die Abwärtsspirale läuft ja bereits, und Schuld daran sind nicht die Geflüchteten. Haftbar zu machen ist die Flucht nach innen, die Vereinzelung, der eitle und dumme Nationalismus, der auf den Scheiterhaufen der Geschichte gehört. Tagtäglich im Liveticker zu verfolgen. Auch Berg widmet sich dem Austritt aus der EU, besser gesagt der Zukunft: Den Brexit-Leichen also, die nach der Abkapselung noch im Land bleiben und ihr klägliches Dasein in Sperrholzhütten fristen. Sie sind in einem Niemandsland gestrandet, denn in ihrer so genannten Heimat sind sie noch weniger willkommen.  

Überhaupt: Willkommen ist in diesem Roman niemand. Es ist von Menschen die Rede, deren Verwertbarkeit für den Staat und die Gesellschaft bei Null liegt. Nutzlose, bedeutungslose User, die freilich dennoch bespaßt und bei der Stange gehalten werden müssen. Sex ist hier ein Faktor, ein gut gemeinter Ratgeber, auch wenn die meisten Männer in dieser Geschichte ohnehin nicht mehr bei sich selbst sind, sprich: nicht mehr potent. Die Frauen dito. Sie sind gefühllos, immer irgendwie auf der Suche nach Liebe, die seit dem Millennium (und spätestens seit 9/11) auf der Strecke geblieben ist.   

Dass die Liebe das Kapital schlägt. Immer.

GRM ist lyrisch getaktet, manchmal unnötigerweise allzu umgangssprachlich. Der Roman erinnert inhaltlich und/oder stilistisch an Werke von James Graham Ballard, Kurt Vonnegut, George Saunders und Douglas Coupland. Keine allzu schlechten Referenzen. Interessanterweise englischsprachige Literaten. Ausnahmslos Männer. Aber eben keine "Schwanzträger", wie Berg nur Männer nennt, die ihr Geschlechtsteil gewinnbringend und argumentativ als Standortvorteil begreifen. Immer in einer aus ihrer Sicht eigentlich völlig widersinnigen Abgrenzung zu den Frauen. 

Von diesen "alten, pinkfarbenen Männern" gibt es im Buch eine ganze Armee. So zum Beispiel Thome, einen Abgeordneten des Unterhauses, der mit seinen Gefolgsleuten zurück an die Macht möchte. Zurück in eine Welt, die besser geordnet und überschaubarer war. Wo der Mann sich nicht ganz so verloren und deppert vorkommt. Wo die Frauen endlich wieder sauber zurückgestuft werden können. "Order! Order!" Dieses "Unbehagen junger und alter Arschgeigen" ist unbarmherzig auf den Punkt gebracht und erinnert selbstredend an die Weinerlichkeit einiger vieler Ewiggestrigen auch hierzulande. Sibylle Bergs Studie der britischen, unnachgiebig dekadenten Oberschicht ist tausendfach tiefgründiger als Takis Würgers verklemmte Bemühungen in seinem Roman "Der Club", wo er die Snobs einer englischen Eliteuniversität allenfalls reportagehaft streift.      

Die Streaming-Serie in der Literatur

In den eher schlichten Momenten des Buches wird allzu deutlich, dass Berg Serien wie "Black Mirror" spiegelt - und das nicht einmal unbedingt durchdacht und überwältigend. In den besten Momenten des Brainfucks verhandelt Berg naheliegende, aber eben leider viel zu selten oder nie ausgesprochene Wahrheiten: Dass die Liebe der Menschen das Kapital schlägt. Immer. Dass wir eigentlich nichts brauchen, außer viel öfter uns selbst im Licht der Anderen. Dass Maschinen und künstliche Intelligenz uns vieles abnehmen können, aber niemals das (mitunter böse) Bewusstsein, am Leben zu sein. 

L - E -B -E -N

Die Widerstandsmodelle lassen sich einfach nicht halten

Und was zur Hölle ist eigentlich dieses GRIME? Grime steht für den "Schmutz", durch den sich die modernen Bürger bewegen, diese ganze Alltagsscheiße, die ja durch die digitale Teilung und vermeintliche Veredelung auch nicht sinnvoller wird. Eher schlechter. Nicht zuletzt steht Grime für eine real existierende Musikrichtung. Es ist schneller Rap, im besten Falle vorgetragen wie ein tödlich ratterndes Maschinengewehr. Stil und Sprache sind zuweilen roh und aggressiv - explicit lyrics. Ein echtes Aufbegehren, eine astreine Revolution, die am Ende, wie alle vernünftigen Revolutionen, natürlich zum Scheitern verurteilt ist. 

Der Kreuzzug dieser "angry young grimes" (es sind die von Gott und der Welt verlassenen und vernachlässigten Kinder Hannah, Don, Peter, Karen) startet in Rochdale (im Raum Manchester) und endet in London. Mit Ernüchterung. Durchaus folgerichtig verpufft dieser showdown. Aus ihrem ursprünglichen Vorhaben, Grime-Stars zu werden und die kaputte Gesellschaft zu ficken, wird nichts, denn die Wut kann nicht so ohne weiteres geklont werden. Also wollen sie sich an ihren Widersachern rächen, was sie allerdings nur bedingt befriedigt. 

Sie treffen eine Gruppe von Hackern. Ihr Ziel: Den beeinflussten Bürgern den Spiegel vorhalten. Doch diese "modernen Menschen" ticken mittlerweile ganz anders als die, die sich noch immer nicht haben korrumpieren lassen. So betrachten die Bürger auf den Screens der Stadt ihre von den Hackern öffentlich gemachten Profile mitsamt den peinlichen Daten eher mit Begeisterung und höchster Ergriffenheit als mit Entsetzen. Die Revolution und die Zerstörung der Privatpolizei sowie des Überwachungsstaates bleiben aus, denn: "Die Widerstandsmodelle lassen sich einfach nicht halten." So schließt dieser laute und böse Roman entsprechend leise. Am Ende - Du sollst nicht spoilern - ist die Ruhe vor dem wahrscheinlich nächsten Sturm. Vielleicht sitzen die Menschen in dieser Zwischenzeit ja beisammen und reden wirklich mal miteinander. Es gäbe da eine Menge zu besprechen. 

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